Das Wichtigste:
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1. Dehnen ist wichtig, um die Beweglichkeit zu steigern und sollte regelmäßig durchgeführt werden! |
| 2. Vorbeugung vor Verletzungen durch Dehnen ist nicht möglich! Der Muskel wird sogar eher überlastet! |
| 3. Muskelkater kann durch Dehnen nicht verhindert werden! Er kann damit sogar provoziert werden! |
| 4. Muskelverkürzungen können durch Dehnen nicht korrigiert werden! Hiefür ist Krafttraining zweckmäßiger! |
| 5. Wer mit hohen Geschwindigkeiten (Badminton) oder Gewichten trainiert sollte unmittelbar vorher / nachher nicht Dehnen! |
| 6. Ein allgemeines Aufwärmen und die Einrichtung eines eigenen Dehntraining ist empfehlenswert! |
Dr. Kurt A. Moosburger, Facharzt für Innere Medizin und Sportarzt
Fast alle machen es und kaum jemand weiß, warum eigentlich. Die Rede ist vom Dehnen, welches nach allgemeinem Verständnis ein fester Bestandteil des Trainings sein muss. Immer häufiger wird aber gerade in letzter Zeit das Dehnen in Frage gestellt und sogar auf ein mögliches Verletzungsrisiko durch Dehnen unmittelbar vor oder nach einer Trainingseinheit hingewiesen (siehe unten). Dehnen oder nicht dehnen, fragt sich der Sportler. Der Stand der Dehnforschung ist nicht so einfach darzulegen, da sicherlich noch nicht alle Fragen geklärt sind. Aber ein paar Mythen kann man entkräften.
Mythos Nr. 1: Dehnen als Verletzungs- und "Muskelkater"
prophylaxe:
Beim Dehnen muss man unterscheiden zwischen kurzfristigen und langfristigen
Effekten. Unmittelbar nach dem Dehnen steigt die Gelenkreichweite messbar. Dies
ist aber vorwiegend auf eine höhere Dehnungsspannungstoleranz und nicht
etwa auf bestimmte Veränderungen im Muskel zurückzuführen. Bei
intensiven Dehnprozeduren kommt es zu enormen mechanischen Spannungen im Muskel,
die alleine schon Muskelkater bewirken oder verstärken können. Zusätzlich
konnten Untersuchungen von WIEMANN und KLEE zeigen, dass Schnellkraftleistungen
unmittelbar nach statischem (also gehaltenes) Dehnen schlechter sind (und zudem
ein Muskelkater provoziert wird).
Ein nicht allzu intensives dynamisches (also federndes) Dehnen in der Übungsvorbereitung
zur Vergrößerung der Flexibilität und zum Absenken der passiven
Muskelspannung ist vertretbar. Intensives Dehnen sollte nur vor Trainingseinheiten
in Sportarten stattfinden, in denen die Beweglichkeit eine leistungsbestimmende
Komponente darstellt, etwa beim Turnen, Kampfsport oder Hürdenlauf. Nicht
nur vor, auch nach einem Krafttraining sollte intensives statisches Dehnen vermieden
werden, da trainingsbedingte kleinste Verletzungen verstärkt werden und
somit ein Muskelkater provoziert bzw. verstärkt wird. Das gilt übrigens
auch für das Bergablaufen, wie KOLLER et al zeigen konnte. Ein solches
stellt eine nicht zu unterschätzende exzentrische Muskelbelastung dar,
ebenso das "Abbremsen" nach Sprint-Intervallen. Es stellt sich die
Frage, wann ein Dehntraining "schädlich" sein kann. Wenn man
sehr intensiv und lange dehnt, kommt es zum Creeping-Phänomen und die Muskel-stiffness
nimmt ab. Dadurch ist eine gewisse Verletzungsgefahr gegeben.
Mythos Nr. 2: "Muskelverkürzung":
Die Vorstellung, ein Muskel verkürzt sich, wenn er nicht gedehnt wird,
ist plausibel, aber überholt. Die Länge eines Muskels per se ist immer
gleich. Eine "Verkürzung" wird üblicherweise im Rahmen eines
Muskelfunktionstest festgestellt. Damit ist aber eine eingeschränkte Flexibilität
bzw. eine verminderte Toleranz gegenüber einer Dehnungsspannung gemeint
(und so sollte man es auch bezeichnen), eine wirkliche Verkürzung eines
Muskels besteht dabei nicht. Die Muskelverkürzung ist funktionell zu betrachten,
d.h. wenn ein Muskel seine optimale Kraftentfaltung in einem kleineren Winkel
hat, als er sollte, kann man von einer "Verkürzung" sprechen.
Angezeigt ist es dann, den Gegenspieler zu kräftigen und den Muskel über
möglichst große Amplituden (ROM: range of motion) arbeiten zu lassen.
Damit wird auch wieder ein Gleichgewicht in den Ruhespannungen auf beiden Seiten
hergestellt (Ausgleich muskulärer Dysbalanzen).
Durch Dehnen wird der Muskel nicht strukturell länger (auch nicht "schlanker",
wie vielfach geglaubt wird), dennoch kann die Beweglichkeit erhöht werden.
In der Prävention und Rehabilitation ist das ein wichtiges Argument fürs
Dehnen. Im Gesundheitssport kann man deshalb ruhig dehnen und kräftigen
in einer Trainingseinheit.
Zusammenfassung:
Beim Dehnen gibt es eine Spannung auf die Muskulatur. Ist die Spannung hoch,
kann damit sogar ein hypertrophiewirksamer Reiz erzielt werden. Nach intensivem
Ausdauertraining (Laufen), bei dem es auch zu kleinsten Verletzungen (Microtraumen
durch exzentrische Belastung) im Muskel kommt, ist Dehnen als zusätzliche
mechanische Beanspruchung sicher nicht angebracht. Wer exzentrisches Krafttraining
oder IK-Training (Training der intramuskulären Koordination) macht, sollte
Dehnübungen auf einen anderen Tag verschieben. Im Gesundheitssport sind
die Beanspruchungen geringer. Meistens nehmen sich die Leute nur an zwei oder
höchstens drei Tagen Zeit für's Training und verbinden damit in der
Regel auch das Dehntraining.
Abschließend bleibt noch anzumerken, dass ein "Aufwärmen"
der Arbeitsmuskulatur vor jedweder körperlichen Belastung bzw. Trainingseinheit
zweifellos zweckmäßig ist: Eine drei- bis fünfminütige
Aktivierung des Herz-Kreislaufsystems mittels mäßig-intensiver Ausdauerbelastung
(zyklisch-dynamische Muskelarbeit, die mindestens ein Sechstel der gesamten
Skeletmuskulatur involviert) steigert das HMV (Herzminutenvolumen, siehe "Das
Sportherz") und damit auch die Durchblutung der Muskulatur, was sich positiv
auf deren Leistungsbereitschaft auswirkt.
Pressemeldungen zu einer kürzlich veröffentlichten
Studie im British Medical Journal
(BMJ 2002; 325: 468 - 470):
Stretching hilft nicht gegen Muskelkater
LONDON. Stretchen vor oder nach dem Sport verhindert nicht den Muskelkater
und ist als Prävention für Verletzungen wirkungslos, so Rob Herbert,
School of Physiotherapy, Universität Sydney, Australien (BMJ 2002; 325:
468-470). Als Datengrundlage für ihre Erhebung verwendeten die Autoren
fünf Studien mit insgesamt 77 Probanden. Drei Studien untersuchten den
Effekt des Stretchens nach Durchführung von Übungen, zwei Studien
bewerteten die Wirkung vor sportlichen Betätigungen.
Alle Studien zeigten, dass die Schmerzreduktion durch Stretchen minimal ist.
Herbert et al. stellten zudem fest, dass auch das Verletzungsrisiko durch Stretchen
nicht sinkt. Zwei Studien - die Probanden waren durchtrainierte Rekruten - ergaben,
dass kontinuierliches Stretchen nur eine Verletzung innerhalb von 23 Jahren
verhindern würde.
Da die meisten Sportler ein weit geringeres Verletzungsrisiko haben, wäre
die protektive Wirkung des Stretchens für sie noch geringer, schlussfolgern
die Autoren. Die Ergebnisse stehen im krassen Gegensatz zur allgemeinen Praxis
und werden deshalb Anlass für Veränderungen sein, heißt es in
einem begleitenden Editorial im BMJ. /et
Dehnübungen als Zeitverschwendung?
Britische Studie: Weder das Risiko von Verletzungen noch das von Muskelschmerzen
werde verringert
(London) Wer vor dem Joggen die Ferse an das Gesäß
zieht oder mit anderen Dehnübungen seinen Körper fit für Leibesübungen
machen will, verringert einer Studie zufolge keineswegs das Verletzungsrisiko.
Das "British Medical Journal" veröffentlichte eine Untersuchung,
wonach Dehnübungen vor oder nach dem Sport mit Blick auf die Gesundheit
eine reine Zeitverschwendung sind. Australische Wissenschaftler seien nach
der Analyse fünf bestehender Studien zu dem Schluss gekommen, dass Dehnübungen
weder das Risiko von Verletzungen noch von Muskelschmerzen verringern. Der Nutzen
sei so gering, dass sich die Sportler die Mühe schenken könnten, hieß
es. Dem Bericht zufolge analysierten die Wissenschaftler unter anderem den Sinn
von Dehnübungen bei der Ausbildung von Armee-Rekruten, die als besondere
Risikogruppe gelten würden. Dabei seien sie zu dem Schluss gekommen, dass
durch das "Warmmachen" im Durchschnitt gerademal eine Verletzung in
23 Jahren vermieden werde. (Reuters)
Innsbruck, im Oktober 2002 (überarbeitet im
April 2005)